Vor ein paar Tagen hatte ich mich mit ein paar Leuten in der Stadt getroffen, um auf meinen neuen Job anzustoßen. Neben den Personen meiner Wahl hatte sich auch so ein Typ eingeschlichen, den ich gar nicht erst angefragt hatte. Er hieß Ronnie. Böse Zungen nannten ihn auch Schönwetter-Ronnie, doch waren diese bösen Zungen rar gesät. Leider, denn er war ein Heuchler, der sich bei vielen durch die Hintertür einschleimte, und immer wurmte es mich, wenn irgendwer mit ihm da saß und nicht bemerkte, was für ein Hund er doch war. Er war ein fieser Kerl, und einige erkannten das sogar. Manche waren zu feige, ihm das mal zu sagen oder ihn so zu behandeln, wie er es verdient hatte. Viele andere bekehrte er mit seiner schleimenden und blöden Art, und viele fielen auf ihn rein. Es brachte ihm letztendlich nichts, und den anderen auch nicht. Er war ein Meister darin, die schützende und bemitleidende Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Würde man ihm ans rechte Schienbein stoßen, fing er an zu jammern und nur wenigen würde auffallen, dass er sich nach einiger Zeit vor lauter Schauspielerei das linke Bein reiben würde. Wahrscheinlich war er auch nur ein ganz armes Würstchen; wahrscheinlich war es nur ein Haufen armer Würstchen, er, und die, die mit ihm parat kamen, die sich untereinander alle nur belogen und beschleimten, ohne zu bemerken, dass sie sich gegenseitig bescheißten.
Naja, Ronnie. Ich hatte irgendwann mal einen meiner Notizblöcke in so einem Laden liegen lassen und Ronnie hatte sich ihn geschnappt, darin rumgelesen, und Sachen erzählt, die niemanden etwas angingen. Es hatte mich auf die Palme gebracht. Dieser Arsch.
„Ronnie“, schnauzte ich ihn an, „was zum Arsch willst du hier? Hab ich dich gebeten, heute herzukommen? Und wahrscheinlich willst du auch noch auf meine Karte saufen!“
Ich stand auf, ging zu ihm rüber ans andere Ende vom Tisch. Ich packte ihn beim Kragen, zog ihn hoch.
„Ey Mann, ist doch alles easy“, lächelte, beziehungsweise näselte er mich an.
„Verpiss dich du Hund. Dass ich dich heut’ bloß nicht mehr sehe, sonst schlag ich dir auf deine Fresse!“
Der Abend war gelaufen. Und ich glaube, ich hatte es mir auch mit den anderen Leuten versaut. Ronnies Leuten. Ein gelungener Abend.
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Das erdrückende Gewicht der Welt hängt oft nur von einer Person ab. Die sitzt im Steuerhaus eines Krans, das Gewicht hängt unten dran. Eine falsche Bewegung von ihr und alles kracht auf dich runter. Manche wissen mit dem Gewicht umzugehen und haben bemerkt, dass man von ihnen abhängig ist. Sie beginnen zu spielen, völlig unbeirrt, fahren den Anker auf, fahren ihn ab, machen dich glücklich, machen dich unglücklich, pumpen dich voll, drücken dir die Luft ab. Immer weiter, auf und ab. Irgendwann wird’s dir zu viel. Doch bevor du flüchten kannst, schneiden sie die Schnur ab und du bist platt. Manche für immer. So fühlt es sich an. Die meisten aber wissen nicht damit umzugehen, wissen gar nicht, dass man unten drunter steht. Na und irgendwann leiert der Strang aus und das Ding schleicht runter. In dem Fall dauert’s ewig, man ahnt es irgendwann, und dann ist Schluss.
© soleauabgelegt in Hirngespinste
Ich telefonierte mit Frank.
„Und, läuft gut, der neue Job?“, fragte er mich.
„Naja, weißt du, ich bin morgens ziemlich fertig. Ich komm mit dem Schlafrhythmus nicht klar. Aber der Job ist in Ordnung. Er lenkt mich was ab, weißt du.“
„Ja, wird dir nicht schaden. Freut mich, dass es dir was besser geht.“
„Geht bergauf, obwohl’s mich dann und wann alles wieder fertig macht.“
„Klingt lächerlich“, Frank zögerte kurz „aber meine Nummer hast du ja. Kannst du drauf zählen.“
„Hab ich schon oft gehört, sowas. Aber ich nehm’s dir mal ab“, schmunzelte ich.
„Will ich dir geraten haben“, scherzte Frank zurück.
„Alles klar. Gut, dann bleibt’s bei Samstag 19 Uhr?“
„Ja, ich rufe durch, falls sich was ändert.“
„Gut, bis Samstag.“
„Ok, bis Samstag. Ciao.“
„Ciao.“
Ich legte auf. 23 Uhr. Eigentlich eine dumme Idee, so früh schon schlafen zu gehen. Aber um meinen Schlafrhythmus etwas zu korrigieren, blieb mir nichts anderes übrig.
Ich legte mich also ins Bett, lag aber noch lange rum. Irgendwas wollte mich nicht müde werden lassen. Es mussten herumschwirrende Gedanken gewesen sein. Aber warum mussten sich die Biester gerade meinen hässlichen Kopf aussuchen? Konnten sie nicht einfach abziehen und mich schlafen lassen? Ich fühlte mich unschuldig.
In meinem Kopf ging es nun rund, in meinem Zimmer war alles recht still. Den Tag über war auch nichts passiert. Diese wirren Gedanken und die unheimliche Stille wirkten auf mich befremdend. Ich brauchte jetzt erst einmal etwas real Wirkendes. Ich kippte das Fenster. Alle sieben oder acht Sekunden bretterte ein Auto vorbei. Es war laut. So kannte ich das, so war ich es gewohnt. Selbst um diese Uhrzeit. Jetzt wirkte es hier oben wieder einigermaßen real. Kurze Zeit später hörte ich eine laute, männliche Stimme von draußen. Ich konnte keine Worte verstehen, nur irgendwelche lauten Laute. Vielleicht waren es auch gar keine Worte, sondern nur eine Folge unvollständiger Gedankengänge. Oder ich verstand einfach nicht, was er zu sagen hatte. Naja, hatte wohl ein Verständigungsproblem, dieser Kerl da unten. Dazu kam noch ein bellender Hund. Bellte ununterbrochen. Vielleicht sprach oder bellte der Typ mit dem Hund. Wahrscheinlich fühlte er sich unbeobachtet und ließ seinen Instinkten freien Lauf. Kurz drauf hörte ich ein schreiendes Kind. Um diese Uhrzeit. Zwischendurch immer die lauten Laute von dem Typ. Und dieser bellende Hund. Doch klang er auch sehr seltsam. Er bellte nicht, er fauchte. Leicht angeschlagen. Es klang wie ein alter Mensch, der würgen musste, oder noch besser, wie die alte Oma, die stundenlang am Fenster saß und nur darauf wartete, bis der kleine Florian seinen Ball in ihr Beet schoss, damit sie ihn anfauchen konnte. Warum tat sie das überhaupt? Was für ein Chaos da unten auf der Straße. Ich stand ruckartig auf und schloss das Fenster. Danach legte ich mich wieder Bett. Diese kranken Gedanken.
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Ich war mit dem Zug unterwegs. Es war am regnen und unangenehm kühl. Die Fußheizung im Zug war eingeschaltet. Ich hatte es zu spät gemerkt. Der Inhalt einer offenen Tube Salbe, die sich in meiner Tasche auf dem Boden befand, hatte sich verflüssig und einige Notizzettel versaut. Rechts von mir, auf der anderen Seite des Gangs, saßen zwei ältere Herren. Einer von den beiden war eingeschlafen. Beim nächsten Halt weckte der eine den anderen Alten auf. Sie packten ihr Zeug und stiegen aus. Ich blieb sitzen, hatte noch eine Strecke vor mir. Inzwischen war es auch noch dunkel geworden und der Regen klatschte an die Scheibe.
Nach zehn Minuten stand der Zug immer noch und die Innenbeleuchtung war ausgegangen. Nach weiteren fünf Minuten kam so ein Typ.
„Hey, was sitzen Sie hier noch drin rum?“, fragte er mich.
„Mister, warum fährt das Ding nicht endlich weiter?“, fragte ich.
„Der Zug fährt heute nirgendwo mehr hin.“
„Was soll der Scheiß? Ich habe für die Fahrt bezahlt.“
„Sie hätten umsteigen müssen. Der nächste Zug fährt erst wieder in 2 ½ Stunden.“
„Und was soll ich jetzt in der Zeit tun?“
„Erstmal aussteigen, ich muss dicht machen.“
Nun ja. Ich stieg aus. Es war ein kleiner Bahnhof, irgendwo im Wald. So schien es. Überall nur große Bäume drum herum. Es war jetzt schon kurz nach 22 Uhr. Und es regnete immer noch. Am Ende vom Gleis, neben dem Fahrkartenschalter, der schon geschlossen hatte, befand sich noch eine kleine Gaststätte. Sie hatte noch bis Mitternacht geöffnet. Ich ging rein.
„Alter, noch einen Schritt weiter, und du bist sofort wieder draußen“, brüllte mich der Typ hinter der Theke an. Es war ein ziemlich dünner Kerl. Alt und dünn. Hinten an der Theke saß noch wer. Sah ziemlich fertig aus.
„Ich hab vorhin alles sauber gemacht. Sie treten jetzt mal schön Ihre Füße ab, und dann hängen Sie ihren dreckigen Mantel da an den Ständer“.
„Ist ok“, sagte ich, „wenn ich dann noch was zu trinken bekomme“.
„Was wollen Sie?“
„Gib mir’n gezapftes Bier und ‘ne Packung Erdnüsse“.
Ich setze mich zu ihm an die Theke. Er stellte mir ein Bier hin. Ich trank es aus. Kurze Zeit später kam so ein Typ rein. Schien ein Stammgast zu sein, denn er wurde nicht angeschnauzt. Er setzte sich neben mich.
„N’Abend“, sagte er.
„N’Abend“, sagte ich.
Er bestellte sich ein Bier.
„Was’n Wetter“, sagte er.
Ich sagte nichts.
„Haben Sie Feuer?“, fragte er mich.
„Nein, rauche nicht mehr“.
Darauf steckte er sich eine Zigarette in den Mund, nahm ein Feuerzeug aus seiner Tasche und zündete sie sich an.
„Und sehen Sie, genau deswegen habe ich immer Feuer bei mir“.
Ich schwieg und bestellte mir anschließend noch ein Bier.
„Chef, mir auch noch eins. Und bitte das von dem Herren hier auch auf meine Rechnung“.
„Das muss echt nicht sein.“
„Doch, doch, ist schon in Ordnung.“
Ich sagte nichts.
Danach holte er eine Zeitung aus der Tasche, schlug sie auf und begann zu lesen. Fing er mit einem neuen Artikel an, laß er die Überschrift immer laut vor und schaute mich danach mit einem grinsend fragenden Blick an. Er senkte dabei immer etwas die Zeitung und schaute so, als würde er über Brillengläser schauen. Nur trug dieses dumme Gesicht keine Brille. Das tat er mehrmals in den nächsten Minuten.
„Na, was haben wir denn hier. Finanzkrise. Pessimismus der Menschen nimmt weiter zu“.
Wieder dieser Blick. Ich wurde nervös. Ich hielt mich am Riemen. Die nächsten drei Minuten passierte nichts.
„Was haben wir denn hier? Banken sehen düstere…“
„Mensch jetzt halten Sie doch endlich Ihr Maul“, pumpte ich ihn an.
Nun ja. Nach einer kurzen Auseinandersetzung mit dem Chef musste ich den Laden verlassen. Ich ging zur Tür, nahm meine Jacke vom Ständer und begab mich in den Regen. Ganze zwei Stunden musste ich nun noch warten. Ich setzte mich auf eine Bank an den Gleisen und zog mir meine Kapuze über.
© soleauabgelegt in Alltag